Eine Doula als Geburtsbegleitung – Kommt das für mich in Frage?

Wann ist eine Geburtsbegleitung sinnvoll? Was macht eine Doula und wobei kann sie helfen? Das und mehr haben wir Anke Wosu gefragt, die sich in Hamburg und Umgebung dem Wohlergehen von Menschen, sowie Schwangeren, Müttern und Familien widmet.

Wer bist du und was machst du?

Anke Wosu, 4 Kinder, 4 Enkel. Ich habe meine Berufung zwar erst spät, aber genau zum richtigen Zeitpunkt gefunden: Meine Arbeit als HP (Heilpraktikerin) für Psychotherapie und Doula (Geburtsbegleitung). Als HP für Psychotherapie helfe ich Menschen mit den unterschiedlichsten Anliegen allerdings immer öfter mit der Verarbeitung von „Geburtstraumata“. Über dieses wiederkehrende Thema und die Erfahrung bei der Begleitung von Geburten im privaten Umfeld bin ich dann zur Geburtsbegleitung gekommen. Beide Berufsfelder ergänzen sich sehr gut.

 

Wie würdest du dich in drei Worten beschreiben?

Emotional, empathisch, bodenständig.

 

Was ist deine Aufgabe als Doula, wie sieht dein Service aus?

Als Doula bin ich ausschließlich für die emotionale Stärkung der Schwangeren bzw. Gebärenden zuständig; im Gegensatz zu einer Hebamme habe ich keinerlei medizinische Befugnisse. Ich bereite die Frauen und ihre Partner bei mehreren Vortreffen gründlich auf das kommende Ereignis vor, höre mir ihre Sorgen und Ängste an und versuche natürlich, diese soweit wie möglich auszuräumen. 14 Tage vor bis 14 Tage nach dem errechneten Geburtstermin bin ich in Rufbereitschaft. Wenn die Geburt losgeht, bleibe ich bei der Frau bzw. dem Paar, bis das Kind geboren ist und bis ich nicht mehr gebraucht werde. Das kann einen Einsatz von 2 Stunden bedeuten, aber ebenso von 30 Stunden und mehr.

Wenn Mutter und Kind wieder zu Hause sind, sprechen wir gemeinsam die Geburtsreise durch und ich übergebe den Eltern in der Regel einen persönlich gestalteten Geburtsbericht und ein kleines Geschenk. Wenn die frischgebackene Mama sich weitere Unterstützung im Wochenbett wünscht, kann sie mich so oft buchen, wie sie möchte. Stellt der Arzt oder die Hebamme ein Attest dafür aus, dass die Frau zusätzliche Hilfe benötigt, kann sie einen Antrag auf Haushaltshilfe stellen und damit meine Dienste mit der Krankenkasse abrechnen.

 

Was spricht dafür, sich als werdende Mutter von einer Doula begleiten zulassen?

Immer wieder höre ich von jungen Müttern: „Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, hätte ich mir eine Doula geleistet.“ Viele Frauen berichten, dass sie nicht wirklich gut auf die Geburt vorbereitet gewesen seien, dass es in der Klinik zu Übergriffen kam oder sie sich nicht gut über medizinische Interventionen aufgeklärt fühlten.

Sehr oft höre ich, dass sie sich hilflos ausgeliefert und allein gefühlt hätten. Die Kontrolle abgeben zu müssen, empfinden viele Frauen unter der Geburt als dramatisch; besonders, wenn sie im Alltag sehr „verkopft“ und die „Macher“ in Familie und Beruf sind. Sie sind es gewohnt, alles durchzuorganisieren und die Hand über allem zu haben.

Je nach Klinik und deren Richtlinien hat die Frau mehr oder weniger die Chance auf eine selbstbestimmte Geburt. Ihr das zu ermöglichen, ist meine vordringlichste Aufgabe. Und wenn es schwierig wird, soll sie sich trotzdem aufgehoben, beschützt und verstanden fühlen können. So kann auch eine Geburtsreise, die nicht ablief, wie geplant, in guter Erinnerung bleiben.

Welchen Frauen empfiehlst du besonders, mit einer Doula zusammen zu arbeiten?

Im Prinzip empfehle ich es jeder Frau. Ganz besonders aber Erstgebärenden, Frauen mit negativen Geburtserlebnissen in der Vergangenheit, mit psychischen Belastungen und Frauen, die große Angst vor der Geburt haben. Um eine möglichst selbstbestimmte Geburt erleben zu können, sollte die Gebärende eine erfahrene Geburtsbegleitung an ihrer Seite haben, die sich im Notfall für sie einsetzen kann.

Das ist immer wieder eine Gratwanderung für die Doula und muss mit sehr viel Fingerspitzengefühl und dem nötigen Respekt vor der Kompetenz der Hebammen und Ärzte geschehen.

 

Womit wirst du bei deiner Arbeit mit werdenden Müttern immer wieder konfrontiert?

Mit Ängsten, traumatischen Vorerfahrungen, Über- bzw. Falschinformationen, zu wenig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, abhanden gekommenem Körpergefühl. Junge Frauen gönnen sich teilweise zu wenig Ruhe während der Schwangerschaft, weil sie einen anspruchsvollen Job haben und oft erwartet wird, dass sie weiter so powern, wie vor der Schwangerschaft. Die Schonzeit des Wochenbettes wird oft nicht ernst genommen. Frau muss schließlich schnell wieder funktionieren.

 

Welche gesundheitlichen Wissenslücken hast du schon oft bei deinen Klientinnen festgestellt?

Bisher habe ich die Erfahrung gemacht, dass meine Klientinnen gesundheitlich recht gut informiert sind. Ich finde aber, dass manche Frauen zu unkritisch mit den heutigen Angeboten umgehen.

Sei es der häufige Ultraschall (10er-Karten!) oder die pränatale Diagnostik. Nur weil alles möglich ist, muss doch nicht alles gemacht werden. Da sollte mehr über die möglichen Konsequenzen nachgedacht werden.

 

Woran könnte das liegen?

Uns Frauen wurde das Vertrauen in den eigenen Körper und seine Fähigkeit, ein Kind zu gebären, abtrainiert. Geburt ist zu einer pathologischen Sache gemacht worden, die ohne medizinische Intervention nicht mehr funktioniert. Uns Frauen wird eingeredet, dass z.B. eine Hausgeburt „gefährlicher“ sei als eine Klinikgeburt. Dabei passiert in Krankenhäusern viel mehr, weil man den Frauen nicht mehr die Zeit gibt, die sie brauchen, um ein Kind auf die Welt zu bringen. Durch die vielen, oft unnötigen Eingriffe gibt es viel mehr unschöne Folgen als bei den Hausgeburten.

Wir unterliegen heute einem Perfektions- und Optimierungswahn, der bestimmten Industrien große Gewinne einbringt, denn wir brauchen ja jetzt so viele Hilfsmittel, medizinische Überwachung und was nicht alles, um das Natürlichste im Leben einer Frau zu vollbringen.

 

Welches Thema bezüglich deiner Ausbildung als Psychotherapeutin und Doula liegt dir besonders am Herzen?

Geburtstrauma und postpartale Depression. Allerdings bin ich ausschließlich Doula, wenn ich eine schwangere Frau begleite und darf sie nicht gleichzeitig therapieren. Das mache ich dann in der psychotherapeutischen Praxis. Trotzdem hilft mir natürlich mein Hintergrundwissen bei der Begleitung besonders belasteter Frauen.

 

Was erfüllt dich an deinem Beruf?

Die Möglichkeit, Frauen ein positives Geburtserlebnis zu ermöglichen, selbst wenn es nicht so abläuft, wie sie es sich zunächst gewünscht haben. Für eine Frau da sein zu können, mitzuerleben, welche unglaublichen Kräfte eine Gebärende entwickeln kann. Und natürlich dieser unbeschreibliche, magische Moment, wenn ein kleiner Mensch geboren wird. Wenn dann die frischgebackene Mama zu mir sagt: „danke, dass du da warst. Ohne dich hätte ich das nicht geschafft“ oder: „Du hast mir sehr geholfen und wesentlich dazu beigetragen, dass es meine schönste Geburt dieser Welt wurde“ (Originalzitat), dann bringt das mein Herz zum Klingen! Ich kann mir keinen schöneren Beruf für mich vorstellen!

 

Was ist deine Vision für Familien?

Meine Vision ist es, dass sich jede Frau die Unterstützung leisten kann, die sie während der Schwangerschaft, Geburt und Elternzeit braucht. Für die Familien wünsche ich mir, dass Kinder eine Bereicherung sind statt ein Armutsrisiko.

Ich sehe flexible, familienfreundliche Arbeitsmodelle ohne die Gefahr eines Karriereknicks. Eltern sollten die Möglichkeit haben, ihr Kind lange genug selbst betreuen zu können, wenn sie es wünschen.

In meiner Vision setzten alle Krankenhäuser die Richtlinien für eine natürliche und selbstbestimmte Geburt radikal um. Sie schaffen die Voraussetzungen für Hebammen, ihren Job wieder so ausüben zu können, wie er ursprünglich gedacht war – durch einen höheren Personalschlüssel, menschlichere Arbeitszeiten und eine bessere Bezahlung.

 

Wenn du jeder Frau etwas mitteilen könntest, was wäre das?

In Bezug auf Schwangerschaft und Geburt: Vertraue dir selbst und deinem Körper. Bereite dich mental vor, trainiere dein Körpergefühl. Informiere dich gut, aber achte auf die Informationsquellen. Schau dir keine angstmachenden Dokumentationen an und verbiete anderen Frauen, dir von ihrer Horrorgeburt zu erzählen. Gönne dir ausreichend Ruhe. Wenn möglich, nimm eine geburtserfahrene Begleitung mit zur Geburt. Und solltest du vor- bzw. hinterher seelisch aus dem Gleichgewicht geraten, zögere nicht, dir Hilfe zu holen.


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